Cisalpino: Die rollende Katastrophe

In Mailand kamen wir auf die glänzende Idee, während der Heimreise im Speisewagen des Cisalpino etwas zu essen - das lässt die Zeit schneller vergehen und ein kleines bisschen Hunger hatten wir auch. So setzen wir uns also hin und anfangs ist’s recht gemütlich. Dann wird’s langsam etwas langweilig, denn es passiert absolut gar nichts. Aber halt! Da schiebt eine übellaunige Servierdüse im Zeitlupentempo einen Wagen vor sich her… und beginnt die (unbesetzten) Tische zu decken. Hm. Ok. Leider sitzen wir am falschen Ende. Als sie dann nach einer Ewigkeit zu uns kommt, lächle ich sie an und bestelle ein Bier. Antwort: “Solo mangiare”. Ich: Ja, schon mangiare, aber erst mal bere. Und zwar ein Bier, bitteschön. Keine Chance. 

Mir wird klargemacht, dass erst alle Tische aufgedeckt werden müssen, bevor man etwas bestellen kann. So warten wir also, während sie mit unfassbarer Langsamkeit Tischtücher und Servietten verteilt (die ab und zu mal auf den Zugboden fallen und von ihr dann aufgehoben und wieder auf den Tischen drapiert werden müssen) und die Tische mit Besteck, dann mit Gläsern, dann mit zusammensteckbaren Champagnergläsern, dann mit kleinen Weinflaschen, dann mit mehr kleinen Weinflaschen und schliesslich mit Menukarten versieht. Danach verschwindet sie. Wahrscheinlich, um sich von den Strapazen zu erholen.

Wir studieren das Menu. Ich habe plötzlich keinen Hunger mehr.

Wir fragen uns, was wohl am ehesten essbar ist. Wir bestellen Orecchiette mit Tomaten und Basilikum und meine mutige (oder einfach hungrige) Begleitung noch eine Pouletbrust mit Salat. Die Orecchiette sind grauenhaft. Tomaten hat’s keine, nur eine sehr flüssige Tomatensauce, die normalen Tomatensaft wie zweimal konzentriertes Purée aussehen lässt. Darauf ein - ich übertreibe nicht! - halbes (!) Blatt Basilikum. Muss ich noch erwähnen, dass auch der Reibkäse grässlich war? Dann kommt sie wieder und tauscht alle Menus auf den Tischen durch andere Menus aus. Bei uns angelangt, fragt sie, was wir als nächstes essen wollen. Er: Ich habe doch schon das Poulet bestellt. Sie: Das gibt’s nicht, falsches Menu. Er: ???????!!!!!!!!! Dann nehm ich halt das kalte Plättli (oder wie das auch immer auf italienisch hiess). Sie geht. Kommentarlos. Kurze Zeit später quält er sich durchs Plättli. Ich verzichte.

Später essen wir noch - weil wir bis Zug sitzen bleiben wollen (jaaaaaa, so lange dauert halt Spitzenküche unterwegs….), einen Rüeblikuchen. Auf der Karte steht, dass der Kuchen eventuell tiefgekühlt gewesen sein könnte… Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass es einfacher wär, die Gerichte zu bezeichnen, die nicht tiefgekühlt waren. Es ist sowas wie Mandelkuchen mit ein paar Rüeblistreifen. Er ist süss. So weit so gut. Hätte mich auch erstaunt, wenn’s ein Rüeblikuchen gewesen wär. Espresso bestellt man übrigens lieber von der Minibar - die haben eine Lavazzamaschine. Espresso im Speisewagen ist einfach eine kleine Portion eines abscheulichen Gebräus in einer grossen Tasse. Dass das alles noch wahnsinnig teuer war, muss man wohl nicht extra erwähnen. Alles in allem war die ganze Sache so unfassbar furchtbar grässlich schlecht, dass mir dafür die Worte fehlen. Nur soviel: Ich hab meinem Freund eine Woche Sexentzug angedroht, falls er der Schnalle Trinkgeld gibt.

Was ich daran nicht versteh: Man könnte die ganze Sache mit so wenig Aufwand so massiv verbessern: Nehmt doch Tomatensauce von Barilla (oder so), kauft anständigen Käse, friert irgendwas ein, was nach Rüeblitorte schmeckt und organisiert ne Espressomaschine. Dann schmeisst ihr die unfähige Tante raus und schon wär’s gar nicht so übel.

Mit ein paar weiteren Änderungen wär die ganze Sache sogar ihren Preis wert: Schult Euer Servicepersonal. Es ist nicht nett, unfähige und unfreundliche Servierdüsen auf die Gäste loszulassen. Kocht Pasta grundsätzlich al dente. Verarbeitet hie und da ein bisschen Grünzeug (Cherrytomätchen zum Beispiel).

Alles in allem ist er, was er uns essen lässt. Der Schiissalpino.

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