Le Jules Verne (Alain Ducasse): Sehr teure Aussicht - Essen bitte selber mitbringen

Das Jules Verne liegt spektakulär: Im Eiffelturm nämlich. In der zweiten Plattform auf 125m Höhe um genau zu sein. Nach oben gelangt man in einem privaten Fahrstuhl, der genauso gediegen gepolstert und mit Samt ausgeschlagen ist, wie das gesamte Restaurant. Oben angekommen bemerke ich meinen ersten - gravierenden - Fehler: Ich bin komplett underdressed (und werde dementsprechend herablassend behandelt). Wir kriegen einen mittelmässigen Tisch und schauen uns einigermassen beeindruckt die 70er-Jahre Einrichtung an. Ausser den Stühlen passt wirklich alles zusammen und schafft mit der spektakulären Aussicht eine einmalige Atmosphäre.

Wir bestellen das Degustationsmenu - einmal mit Fisch, einmal mit Fleisch - und einen Condrieu Domaine Faury 2007, an dem - bis auf den Preis von 90 € - wirklich nichts auszusetzen war. Es ging spektakulär los: Ein ovales Gläschen bot ein schaumig-flüssiger Gratin dauphinois. Auf dem Kartoffel-Lauch-Mousse befand sich ein Schaum, der dem Ganzen der Gratin-Geschmack gab. Das machte Lust auf mehr.

Allerdings verging uns die Lust sehr schnell und was dann folgte, war ein Absturz aus 125m Höhe bis auf U-Bahn Niveau mit den mehligen Madeleines, die sie uns mitgegeben haben.

Ich kann mich relativ kurz fassen, denn das Essen war weder durchdacht, noch speziell noch besonders gut ausgeführt. Zuerst gab’s drei (!) kleine Stückchen Hummer auf einem Rondell Coleslaw mit “wilden” Äpfeln… Das einzig originelle war hier wohl die Beschreibung. Der Hummer war kalt und schmeckte - oh Wunder - nach nichts. Zudem - drei Stückchen? Für den Preis (dazu komm ich noch)??. Das ganze wurde dann in einer Bisque de Homard ersäuft, die so salzig war, dass sich mein Liebster - “kann ich noch das Salz haben, bitte?” - geweigert hat, das Zeug auszulöffeln. Muss ich noch erwähnen, dass die Bisque selbst nach dem Masseneinsatz an Salz noch keinen Geschmack hatte? Sollte uns hier in Zürich wieder mal das Streusalz ausgehen - wir wissen jetzt, wo’s ist.

Danach gab’s drei (!) Spärgelchen auf Spargel- und Steinpilzcoulis mit Champagnersabayon. Jedenfalls haben sie das gesagt. Die Spärgelchen waren durchaus gut. ABER das Steinpilzcoulis ist so intensiv im Geschmack, dass man darum herumessen musste, wenn man etwas vom Spargel schmecken wollte. Da hat sich mal wieder einer als Picasso gefühlt und die Optik über den Geschmack gesetzt. Die Champagnersabayon schmeckte übrigens nur nach Käse.

Hier noch ne grundsätzliche Bemerkung: Ich find’s schon überflüssig, wenn das Bahnhofsbuffet das Gefühl hat, dass auf alles und jedes noch ein Petersilienblatt gehört. Aber Ducasse? Also bitte.

Der Hauptgang bestand aus Fisch für den Liebsten und Kalb für mich. Der Turbo war exzellent. Aber mal ehrlich: Sofern Du das Ding nicht verkochst - kann man da was falsch machen? Das ist einfach exzellenter Fisch. Und was sie falsch machen konnten, haben sie nämlich auch richtig falsch gemacht: Der Turbo schwamm in einer Art luftigem Schaum. Kein Problem mit dem Anfängerset für Molekularköche: Etwas Lecite (Sojalecitin) rein, einmal rumrühren und dann mit dem Milchschäumer “Luft” produzieren. Nur: Was sie offenbar vergessen haben, ist, dass Lecite einen stark säuerlich-metalligen Geschmack hat. Den muss man AUSGLEICHEN. Zum Beispiel durch eine Geschmackszutat. Fehlanzeige. Was hätte das denn darstellen sollen? Eine Metall-Air in Anlehnung an den Eiffelturm? Die kleinen Pilzchen - die, so geht die Vermutung, aus der Dose und bar jedes Geschmacks waren - taugten als Geschmackszutat natürlich nicht. Also, lieber Alain, lies doch das nächste Mal die ganze Anleitung durch, wenn Du schon von Adrià klaust.

Mein Kalb war gut, der Spinat auch. BHOA - die können aber kochen!

Das erste Dessert bestand aus Blanc-manger auf Bisquit mit wilden Erdbeeren obendrauf und Passionsfrucht-Mango-Coulis nebenher. Das war durchaus in Ordnung. Aber auf das alles drauf haben sie ein Mangosorbet gegeben, das so kalt war, dass alles andere den Geschmack ebenfalls verloren hat. Übler Fehler.

Den haben sie beim zweiten Dessert aber dann gleich wiederholt: Dieses bestand aus drei Teilen. Wiederum in Anlehung an den Eiffelturm gab’s ein sehr leckeres festes dunkles Schokoladenmousse in Form einer Schraubenmutter mit flüssiger Schokoladenfüllung dort wo die Schraube hingekommen wär und dazu Haselnussglacé - wiederum so kalt, dass man es nicht (!) essen konnte!

Und jetzt der eigentliche Knüller: Für dieses sehr durchschnittliche, zuweilen auch ziemlich peinliche Mahl mit einer Flasche Wein haben wir 477 € bezahlt.  Das ist viel Geld. Wir wären allerdings bereit gewesen, das für ein wirklich ausgezeichnetes Essen hinzulegen. Was wir im Jules Verne jedoch geboten bekamen, ist EIN WITZ. Sie haben nämlich - sieht man vom Amuse Bouche ab - genau einen fehlerfreien Gang gekocht: Kalb auf Spinat. Bei allen andern Gängen scheiterten sie kläglich. Dazu habe ich - obwohl ich seit meiner Kindheit Ferien in Frankreichs Restaurants und Relais & Châteaux verbringe - die ersten französischen Kellner serviert bekommen, die wirklich jedes Cliché des snobistischen Tellerträgers erfüllen.

Zum Abschluss gab’s Madeleines für die Damen. Wie kann man Madeleines ohne einen Hauch Zitronenaroma machen? Da dreht sich Proust im Grabe um! Zudem waren sie grauenhaft mehlig (nicht krümelig - mehlig!). Also die aus der Migros sind entschieden besser (auch wenn mich das Arome des Konservierungsmittels stört).

Mein Fazit: Das Jules Verne ist eine Touristenfalle übelster Sorte und sollte unbedingt gemieden werden. Es ist überkandidelt, die Gerichte sind schlecht oder teilweise sogar fehlerhaft ausgeführt, unausgewogen in der geschmacklichen Zusammensetzung oder schlicht versalzen.

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