Le Tapis Rouge: Etwas wenig “Grand” für ein Grandhotel

Mein Liebster hatte dieses Weekend die grandiose Idee, mich ins Grandhotel Giessbach, genauer: in deren Gourmetrestaurant Le Tapis Rouge, auszuführen. Für alle, die’s noch nicht kennen: Das Giessbach ist ein Jugendstilbau mit einem wunderbaren Blick auf den Brienzersee und einem hauseigenen Wasserfall. Sehr romantisch…

Nach einem kurzen Spaziergang durch den Wald inklusive Besuch des Wasserfalls und Apéro in der Gartenbeiz traten wir also auf die Terrasse des Tapis Rouge. Da alle Tische reserviert waren, blieben wir erst mal stehen und warteten darauf, dass man uns an den richtigen Tisch brachte (er hatte draussen reserviert, damit wir das strahlend schöne Wetter geniessen konnten). Genau in dem Moment trat der maître d’ aus dem gegenüberliegenden Eingang ebenfalls auf die Terrasse und grinste in unsere Richtung. Er blieb stehen. Wir standen also am einen Eingang der Terrasse, er am andern und keiner rührte sich. Nach einer gefühlten Ewigkeit setzte er sich grinsend in Bewegung. Als er dann bei uns angelangt war, stand hinter uns ne Frau, die irgend etwas wissen wollte und er beantwortete ihre Frage sozusagen über uns hinweg! Ich hätt ihm gern sein bubenhaftes Blödmanngrinsen aus dem Gesicht gepfeffert. Offensichtlich wusste er nicht so recht, was er mit uns anfangen sollte. Wir: Wir haben einen Tisch reserviert. Er wollte uns nach drinnen bitten. Mein Macker: Wir haben draussen reserviert. Er: Wir servieren aber nur drinnen. Nach einigem Hin-und-Her setzten wir uns draussen für einen Apéro hin und studierten die Karte. Essen gab’s nur drinnen, wo man reserviert hatte, war egal (man fragt sich unweigerlich, weshalb man überhaupt draussen reservieren kann…). Dieses geölt grinsende Bubigesicht mit der “frechen” Frisur ging mir langsam ziemlich auf den Wecker.

Offenbar hatte jemand aber bei der Auswahl der restlichen Crew ein entschieden besseres Händchen gehabt. Die Mädels, die uns bedient haben, erledigten dies allesamt aufmerksam, zuvorkommend, individuell und mit viel Sachverstand. Ein Kompliment an die weibliche Besatzung!

Wir entschieden uns für das Menu, das irgend einen französischen Titel trug und wählten einen Valduero 2005 dazu. Nach dem Amuse Gueule, bestehend aus einem - für meinen Geschmack zu paprikalastigen - Gemüsesüppchen, irgendeinem asiatischen Blatt in Tempurateig sowie durchgelierten kleinen Melonen-und-irgendwas Kaviarkügelchen (Ferran Adrià und sein Beginnerset lassen grüssen), war ich gespannt auf den kommenden Sechsgänger.

Los ging’s mit jungem Feldsalat mit Limoncellodressing, dazu geröstete Pinienkerne, Rotkohlsprossen und konfierte Strauchtomaten. Der Nüsslisalat war nicht wirklich jung aber dafür wirklich riesig und entsprechend sperrig. Den Limoncello in der Limoncellosauce konnte man zum Glück nicht schmecken und die konfierten Strauchtomätchen waren wirklich köstlich. Wenn man mal raus hatte, wie man die Dinger vom Strauch bekam ohne sie im ganzen Restaurant zu verteilen, wurde man mit einem sehr angenehmen süssen Geschmack belohnt. Aber eingentlich hätte man das Ganze auch Feldsalat mit konfierten Strauchtomaten nennen könen.

Danach gab’s für mein Gegenüber eine Erbsenschaumsuppe mit Minze parfümiert und Arganöl vollendet. Nicht gerade ein Suppenfan habe ich darauf verzichtet, aber wohlweislich ein bisschen genascht. An der Suppe war nichts auszusetzen, nur dass ich Minze beim besten Willen nicht ausmachen konnte. Ob das Arganöl die Suppe “vollendete”, konnte ich auch nicht so genau beurteilen - denn wie schmeckt schon eine vollendete Suppe?

Die Sonne war bereits hinter der nächsten Bergkuppe verschwunden und langsam färbte sich der immer noch hellblaue Himmel am Horizont über dem See hellgelb bis orange - ein wunderschöner Anblick. Nur schade, dass man drinnen davon nichts sehen konnte. Es blieb nur der Blick auf die Sonnenstoren.

Gefolgt wurde die Suppe von wirklich ausgezeichneten Safrantagliatelle mit einem leichten Champagnerschaum und frisch darüber gehobelter Belper Knolle. Vom Champagner im Champagnerschaum war zwar nichts zu merken aber spätestens jetzt passte der Valduero einfach perfekt.

Nach einem hausgemachten Sorbet von der Tonkabohne, die geschmacklich irgendwie an Vanille erinnern sollte, mich aber eher fad dünkte, erhielten wir ein Filet vom US-Rind unter einer Senf-Meerrettich-Kruste auf einer halbflüssigen Thymian-Polenta, dazu junges Gemüse. Das Fleisch war ausgezeichnet und der Gargrad (fast) perfekt. Leider konnte man das aber erst schmecken, nachdem man die Senf-Meerrettich-Kruste abgekratzt hatte, die so salzig war, dass man daneben schlicht nichts anderes mehr bemerkte. Das absolute Highlight des ganzen Menus befand sich übrigens auch auf diesem Teller: Die halbflüssige Thymian-Polenta war ein sämiges Stück Erleuchtung.

Mittlerweile konnte man auch von drinnen die pechschwarzen Umrisse der Berge gegen den immer noch leuchtend dunkelblauen Himmel sehen - sie hatten gnädigerweise die Sonnenstoren hochgezogen und mein Gegenüber hat die Tischlampe ausgemacht. Die Aussicht war wirklich berauschend. Im Hintergrund spielte schon den ganzen Abend ein Pianist und zusammen mit der warmen Atmosphäre im Jugendstil-Glaspavillon wähnte ich mich wahrlich in die goldenen Zeiten der Grandhotellerie zurückversetzt.

An der Käseauswahl vom Wagen haben mir die zwei Geisskäse am besten gefallen, die anderen Käsesorten trugen zwar ausgefallene Namen, waren im Geschmack aber sehr gewöhnlich. Dazu gab’s kein Früchtebrot, dafür aber Feigensenf. Und wieder mal beglückte ich mich zum Valduero.

Nach einem Vordessert (Ananaspannacotta) gab’s zum Abschlus Granité von Basilikum im Himbeerring, dazu Schokoladenbiskuit und Passionsfruchtsauce. Bis auf das Granité war alles tadellos, das hingegen konnte ich beim besten Willen nicht essen, es war so gar nicht nach meinem Geschmack.

Das Tapis Rouge ist schwer zu bewerten. Wir haben einerseits einen sehr schönen Abend verbracht. Andererseits kontrastiert die dauergrinsende Tapsigkeit des Oberfrackträgers mit der ausgezeichneten Leistung der restlichen Brigade. Und der zweifellos gute Chefkoch verdirbt sich das wohlverdiente Lob durch ausgefallene Namen für ausgefallene Kreationen, von denen man aber essenderweise meistens nix mitbekommt.  Im Gegenzug werden die Jungs regelmässig durch die Mädels, die atemberaubende Aussicht sowie die angenehme Atmosphäre gerettet. Der Küche würde ich etwas mehr Gradlinigkeit wünschen und dem Chef de Service ein paar Nachhilfestunden in Sachen “Grand”. Denn das ist das Tapis Rouge noch nicht ganz.

Aber ich durfte ja zum Glück den hauptsächlich für den schönen Abend Verantwortlichen wieder mit nach Hause nehmen.

One Response to “Le Tapis Rouge: Etwas wenig “Grand” für ein Grandhotel”

  1. Ha ha vielen Dank für diese witzige Beschreibung. Das hat wirklich Lust auf Mehr gemacht. Gerne werden wir dieses Lokal besuchen! Das Essen scheint ja sehr wohl geschmeckt zu haben. Wenn etwas nicht nach seinem Geschmack ist, dann kann es anderen Menschen trotzdem schmecken…..
    Auf jeden Fall reservieren wir, denn sie scheinen einen vergnüglichen Abend gehabt zu haben.

Leave a Reply