Zentraleck: Unverschämt neu

Man kann es sich kaum vorstellen, aber ich hab ein Lieblingsrestaurant in Zürich. Da ist’s einem rundherum wohl, das Essen ist toll, die Bedienung persönlich, professionell und über-aus freundlich, die Stimmung meist bestens, für den Wein kann man sich getrost auf die Empfehlung des Hausherrn verlassen – kurzum: Es ist eben mein Lieblingslokal. Und eben dahin wollte ich letzthin mit einem Freund. Im Vorfeld hatte ich schon gross geschwärmt und so freuten wir uns beide ziemlich auf den bevorstehenden Abend. Aber kaum in die Karte gekuckt, fiel ich aus allen Wolken – das Lokal hatte den Besitzer gewechselt! Das war ja ganz übel. Skepsis überkam mich. Ich hätte ja misstrauisch werden sollen, als ich am Telefon gesiezt wurde. Und dass das Zentraleck jetzt Stef’s Zentraleck hiess, war mir natürlich auch nicht aufgefallen, denn der frühere Mitbesitzer hiess ja auch Stefan… Mir schwante Übles. Ich wurde sozusagen unter falschem Vorwand und durch verwirrliche Namensgebung hierher gelockt und jetzt war alles anders. Alles? Nein!
Die freundliche Bedienung konnte mein Stimmungstief zwar nicht gänzlich ausbügeln, jedoch war ich schon ein bisschen milder gestimmt. Wirklich aufgefallen ist mir die unglaublich aufmerksame junge Servicemitarbeiterin, die offenbar die kleinste Kleinigkeit sofort bemerkte und hilfsbereit herbeieilte. Aber auch wir wurden nett bedient. Dass uns Brot sowie auch Salz und Pfeffer fehlten, hat der uns bedienende Herr aber leider nicht bemerkt. Den Wein haben wir selber ausgesucht, aber das war auch keine Mühsal, denn die Auswahl sowie das Preis-/Leistungsverhältnis konnten sich sehen lassen.
Die Karte – deshalb so verräterisch – war jedoch völlig anders als noch ein paar Monate zuvor. Jetzt kann man sich aus verschiedenen Entrées, Hauptgängen, Desserts und Käse sein Wunschmenu zusammenstellen. Und was wir da auf der Karte fanden, liess uns das Wasser im Mund zusammenlaufen… Mein Ärger war verflogen und hatte der Neugierde (und den gesteigerten Erwartungen) Platz gemacht.
Und das Essen – man kann’s nicht anders sagen – war ausgezeichnet. Auch hier mit einem bemerkenswerten Preis-/Leistungsverhältnis. Wir haben uns vorab für die Jakobsmuscheln auf Avocado entschieden. Das Avocadotatar schmeckte zwar zu intensiv nach Zitrone - allerdings wurde das durch die wunderbaren, innen perfekt glasigen Coquilles Saint-Jacques wieder gutgemacht. Als Hauptgang gab’s das doppelte Rindsentrecôte. Zum Glück mögen wir’s beide saignant, denn was anderes will der Koch wohl nicht braten – jedenfalls wurden wir nicht gefragt. Aber wie er’s gebraten hat…! Als es dann endlich mal kam, hat es uns für die wirklich unverschämt lange Wartezeit mehr als entschädigt. Das Fleisch war zart und aromatisch und sowohl die Qualität wie auch die Zubereitung waren schlicht herausragend.
Auch meine Käseauswahl mit Birnenbrot war wunderbar und so bleibt’s dabei: Das Zentraleck ist mein Lieblingslokal in Zürich.

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